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Fortnite, Minecraft, GTA: Was macht die Faszination von Online-Games aus?

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«Ich komm gleich, ich mach nur noch die eine Runde fertig!» Aus dieser einen Runde werden dann schnell mehrere – die Nerven der Eltern liegen blank und mit dem Familienfrieden ist es vorbei. Warum ziehen Videospiele Kinder so in ihren Bann? Macht das «Dauerdaddeln» nicht aggressiv? Und wann merke ich, wenn bei meinem Kind aus Spass am Spielen Sucht wird?

Daniel Betschart, Experte rund ums Thema «Gamen» bei Pro Juventute, beantwortet die wichtigsten Fragen von Eltern und gibt hilfreiche Tipps für den Umgang mit Online-Spielen im Familienalltag.

Mein Sohn könnte ganze Tage «Fortnite» oder «Fifa» spielen, ohne dass ihm eine Sekunde langweilig würde. Was macht die Faszination dieser Games aus? 

Der Drang zu spielen ist uns Menschen in die Wiege gelegt: Kinder entdecken ihre Welt spielend. Dieses Bedürfnis wird auch durch digitale Spiele stark angesprochen. Gamen macht Spass! Sieg und Niederlage, Ehrgeiz, immer besser werden, neue Welten entdecken, ausprobieren und lernen, mit anderen kommunizieren … es gibt sehr viele Eigenschaften, die Games faszinierend machen. Entwicklerinnen und Entwickler von Online-Spielen setzen bewusst verschiedene Mechanismen ein, um ein Game so spannend und unterhaltsam zu gestalten, dass wir möglichst lange und oft online gehen. So steigern etwa Belohnungen in Form von gesammelten Punkten, neuen Outfits oder Goldmünzen unsere Motivation, weiterzuspielen und immer wieder neue Stufen zu erreichen.

Woran merke ich, ob mein Kind gamesüchtig ist?

Zunächst einmal: Der Begriff «gamesüchtig» wird heute sehr inflationär gebraucht. Nicht jede intensive Phase von Gamen ist eine Sucht. Inzwischen ist «Gaming Disorder» zwar als Krankheitsbild anerkannt, die Messlatte ist aber hoch. So müssen über Monate mehrere Merkmale erfüllt sein: Die Kontrolle über die Dauer und Häufigkeit geht zunehmend verloren oder andere Freizeitbeschäftigungen, die einen Ausgleich bieten, werden durchs Gamen am Computer völlig verdrängt.

Trotzdem gilt es, bei Warnsignalen genau hinzuschauen. Anzeichen für ein problematisches Gameverhalten bei Ihrem Kind können sein, dass die Schule oder die Ausbildung wegen des Gamens zu kurz kommt, dass soziale Kontakte vernachlässigt werden, dass das Kind oft übermüdet ist oder dass es zu auffälligen Verhaltensänderungen oder Veränderungen am Körper kommt. Diese «Symptome» können aber auch auf ein anderes Problem hinweisen: So können Mobbing in der Schule oder Streit in der Familie die Ursache sein. Manche Kinder suchen in der virtuellen Welt von Computerspielen einen Rückzugsort, um vor den alltäglichen Problemen zu fliehen. Und in einigen Fällen gehören die genannten «Warnsignale» auch einfach zur Pubertät.

Verursacht Gamen gesundheitliche Schäden in Bezug auf Konzentration, Sehkraft oder Haltung?

Ein übermässiger digitaler Medienkonsum kann gesundheitliche Folgen haben. Nicht das Spielen per se, sondern zum Beispiel das lange Starren auf den Bildschirm, zu wenig Abwechslung und Bewegung. Das ist auch beim Fernsehen so oder beim stundenlangen Swipen auf Instagram oder TikTok. Die Folgen sind Fehlhaltungen, Kopfschmerzen oder eben auch Übergewicht als Folge von Bewegungsmangel. Kurzfristig sind trockene und übermüdete Augen häufige Folgen – das kennen auch wir Erwachsene vom langen Arbeiten am Bildschirm. Durch den Flow beim Gamen wird bis zu einem gewissen Grad die Konzentrationsfähigkeit gesteigert. Aber eben nur bis zu einem gewissen Grad.

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    Daniel Betschart

    Daniel Betschart ist Programmverantwortlicher für Medienkompetenz bei Pro Juventute. Zuvor war er bei Pro Juventute für den Bereich Schuldenprävention und Konsum und davor sieben Jahre als Jugendarbeiter in der Stadt Zürich tätig. Daniel Betschart ist studierter Soziokultureller Animator und hat zwei Kinder.

Führen manche Computerspiele tatsächlich zu aggressivem Verhalten?

Inwieweit Computerspiele aggressiv machen oder aggressive Vorstellungen hervorrufen, ist nicht einfach zu beantworten. Dass Online-Games und deren Inhalte eine Auswirkung auf Kinder und Jugendliche haben, liegt auf der Hand. So kommt es vor, dass direkt nach dem Spielen von gewissen Games die Gemüter erregt sind und eher aggressive Gedanken auftreten. Gewalthaltige Games machen aber nicht per se gewalttätig. Dass ein Kind oder auch eine erwachsene Person gewalttätig wird, hat meist andere und vor allem unterschiedliche Auslöser wie etwa Fremdenfeindlichkeit, selbst erlebte Gewalt in der Familie oder im Umfeld oder die psychische Verfassung.

«Nur noch diese Runde fertig!»: Wie schaffen wir es als Eltern, dass das Gamen unseres Sohnes oder unserer Tochter nicht unseren Alltag bestimmt?

Tatsächlich ist das «Abschalten» schwierig für Kinder und Jugendliche und wird von Eltern oft als belastende Situation im Familienalltag erlebt, da es viel Konfliktpotenzial mit sich bringt. Wie so oft fängt es bei der Selbsterkenntnis an. Auch Erwachsenen fällt es schwer, ein spannendes Buch zur Seite zu legen oder bei der fesselnden Netflix-Serie nicht nochmals und nochmals eine Folge zu schauen.  

Eltern sollten daher mit ihren Kindern über Games sprechen. Über das Gameverhalten, die Inhalte, die Dauer. Wir empfehlen, gemeinsam Regeln zur Mediennutzung aufzustellen: eine Definition, wie oft, zu welchen Zeiten oder wie lange Medien genutzt werden dürfen. Wenn diese Regeln gemeinsam erstellt werden, werden sie von den Kindern auch besser akzeptiert und eingehalten.

Weil Kinder sich selbst noch nicht so gut regulieren können, brauchen sie aber auch beim Abschalten die Unterstützung der Erwachsenen. Auch ein Wecker bzw. Timer kann eine Hilfe sein.

Woran erkenne ich, ob ein Game ein besonders hohes Suchtpotenzial hat?

Das lässt sich von aussen oft schwer beurteilen. Gewisse Games sind echte Zeitfresser und so aufgebaut, dass man ständig online gehen muss, um beispielsweise sein Volk weiterzuentwickeln. Besonders suchtfördernd sind Belohnungen im Spiel. Werden wir belohnt, gibt das einen positiven Impuls, der süchtig machen kann. Aber auch das Gegenteil zwingt zum Weiterspielen: wenn zum Beispiel in Spielpausen Errungenschaften verloren gehen oder man im Ranking zurückfällt.

Wo kann ich mich als Eltern über jugendgefährdende bzw. geeignete Spiele informieren?

Ein grober Überblick über digitale Spiele – mit Altersangabe und Inhaltsbeurteilung – findet sich auf pegi.info. Die von PEGI definierten Altersempfehlungen geben aber keine pädagogische Einschätzung ab und sagen auch nichts darüber aus, ob ein Spiel qualitativ gut ist oder nicht. Die Seite spieleratgeber-nrw.de gibt Eltern einen vertieften Einblick in ein Spiel: Games werden dort sowohl von Fachpersonen als auch von Jugendlichen bewertet. Und auch via YouTube oder Twitch können sich Eltern einen ersten Einblick verschaffen.

Aber auch nach ausgiebiger Recherche ist es wichtig, dass man das eigene Kind und dessen Reaktion auf ein Game beobachtet und mit ihm über das Spiel spricht. Ist es nach einem Spiel entspannt, aggressiv oder kann sich nicht mehr konzentrieren? Das sind wichtige Hinweise, um zu entscheiden, ob ein Game für das Kind geeignet ist oder nicht.

Was ist der Unterschied zwischen Games, die ich als Hardware kaufe, und Online-Games, die ich downloade?

Inzwischen werden praktisch alle Games auch online angeboten. Ob ich es also downloade oder noch auf Disc kaufe, kommt nicht darauf an. Der Unterschied liegt in den Geschäftsmodellen, insbesondere zwischen Vollpreistiteln und dem Modell «Free to play», also erstmals kostenlose Games. Bei einem Vollpreistitel kaufe ich das Spiel und werde nicht gezwungen, nach dem Kauf noch weiter Geld auszugeben. Obwohl das auch in diesen Spielen möglich ist, um beispielsweise nach einer gewissen Zeit eine Erweiterung zu kaufen. Aber da sind die Kosten transparent. Ganz anders funktioniert es bei Free-to-play-Titeln. 

Unser Sohn kommt immer wieder mit In-App-Käufen. Sind die – wie er sagt – zwingend nötig, um ein Online-Game zu spielen?

Da kommt es auf das Game drauf an. Aber ja, viele digitalen Spiele funktionieren so. Zu Beginn kostenlos, beinhalten eben solche Free-to-play-Spiele oft verschiedene Geschäftsmodelle. Meist geht es darum, durch den Einsatz von Echtgeld schneller oder besser im Spiel voranzukommen oder überhaupt weiterspielen zu können. So wird man erst mit einem kostenlosen Angebot geködert, um dann immer mehr kleine Beträge im Spiel auszugeben, eben In-Game-Käufe. Besonders heikel ist, dass durch eine eigene Spielwährung oftmals der wirkliche Preis nicht nachvollziehbar ist. Einige Geschäftsmodelle wie «Lootboxen» haben auch einen Glücksspiel-Charakter, der in Games für Kinder und Jugendliche nichts verloren hat, leider aber gängige Praxis ist. Die Möglichkeit, In-App-Käufe tätigen zu können, lässt sich in den meisten Fällen in den Einstellungen der mobilen Geräte ausschalten.

Warum interessieren sich Mädchen deutlich weniger fürs Gamen?

So deutlich ist der Unterschied nicht mehr. Aber ich denke, der Geschlechterunterschied hat mit der Entwicklung der Spiele bzw. dem Angebot zu tun. Zu Beginn waren die Games sehr technisch und eher auf «Männerthemen» wie Autorennen, Kampf oder Krieg gemünzt.

Seit der Jahrtausendwende holen die Frauen jedoch auf – beim Entwickeln von Games wie auch beim Spielen. So war zum Beispiel bei «Sims» der Frauenanteil der Spielenden höher und inzwischen wird die weibliche Zielgruppe ganz bewusst mit Games umworben. 

Mein Sohn ist 13. Was ist ein «gesundes» Mass an Medienzeit für dieses Alter?

In Bezug auf Bildschirmzeit wünschen sich die meisten Eltern eine Angabe zur Anzahl Minuten pro Tag und Alter. Diese Orientierungshilfen gibt es – mit einer solchen Angabe ist eine gesunde Mediennutzung aber nicht getan. Konkret: Ab zehn Jahren kann man etwa mit einer Stunde Bildschirmzeit pro Lebensjahr pro Woche rechnen. Mit 13 Jahren wären das folglich 13 Stunden pro Woche.

Da Kinder aber sehr unterschiedlich sind, kann dies für die einen zu viel sein, andere vertragen vielleicht auch noch etwas mehr. Es kommt also nicht nur drauf an, wie lange ein Kind Bildschirmmedien nutzt, sondern auch welche Inhalte es sieht, wie reif das Kind ist und ob es selbst kreativ tätig ist oder eher passiv konsumiert. Zentral ist, dass Kinder genügend Abwechslung in ihrer Freizeitgestaltung haben, von den Eltern in der Mediennutzung begleitet werden und zu ausreichend Schlaf kommen.

Ganz ohne Online-Games gehts wohl nicht. Was ist denn besser: vor dem Lernen oder als Belohnung danach?

Digitale Medien sollten grundsätzlich nicht als Belohnung oder Bestrafung eingesetzt werden. Das verleiht ihnen einen zusätzlichen, besonderen Reiz, was in den meisten Familien nicht gewünscht wird. Tendenziell würde ich sagen: zuerst die Arbeit, dann das Vergnügen. Aber es kann durchaus auch mal gut sein, zuerst bei einer Game-Runde etwas herunterzufahren vom stressigen Schulalltag und sich dann ans Lernen zu machen. Vorausgesetzt, man verliert sich nicht im Spiel …

Und zum guten Schluss: Gibt es auch positive Seiten am Gamen?

Klar, die gibt es! Gamen macht Spass und viele Kinder und Jugendliche können beim Gamen gut herunterfahren. Ausserdem kann es unterschiedliche Fähigkeiten fördern: die Hand-Auge-Koordination beispielsweise oder die Reaktionsfähigkeit, aber auch die Fähigkeit zum schnellen Entscheiden. Oder das räumliche Vorstellungsvermögen sowie strategisches Denken.

Durch das Spielen mit anderen zusammen wird zudem die Kommunikationsfähigkeit gefördert, zum Teil auch die Teamfähigkeit. Und der Umgang mit Sieg und Niederlage kann Ausdauer und Frustrationstoleranz erhöhen.

Aber ganz klar: Um diese Eigenschaften zu fördern, muss niemand gamen. Kinder und Jugendliche lernen all das wunderbar im realen Leben – im Fussballverein, in der Pfadi oder einfach beim «Spielen auf der Gass».

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