Eine Frau mit einem eingegipsten Bein sitzt auf einem Sofa und telefoniert, umgeben von Pflanzen im Hintergrund. Sie wirkt besorgt.
Zuhause

Unfall oder lange Krankheit: Was bedeutet das für meinen Job?

Ein Unfall, eine Operation oder eine schwere Krankheit können jeden treffen, kommen meist plötzlich und haben weitreichende Auswirkungen auf das Arbeitsverhältnis. Wie sieht es mit der Lohnfortzahlung aus? Kann mir trotz Arztzeugnis gekündigt werden? Steht eine Krankheit im Arbeitszeugnis?

  •  Ein Portrait-Foto von Carole Kaufmann Ryan, Anwältin bei der AXA-ARAG.
    AXA-ARAG

    Carole Kaufmann Ryan, Anwältin bei der AXA-ARAG, klärt die wichtigsten arbeitsrechtlichen und finanziellen Fragen im Fall von krankheitsbedingter Arbeitsunfähigkeit.

Ich war vier Monate krank. Kurz danach wurde mir gekündigt, obwohl meine Mitarbeiterbeurteilungen immer hervorragend waren. Ist dieses Vorgehen zulässig? 

Im Schweizer Arbeitsvertragsrecht herrscht der Grundsatz der Kündigungsfreiheit. Ein Arbeitsverhältnis kann von beiden Seiten jederzeit gekündigt werden – mit wenigen Ausnahmen. Es braucht dazu weder einen triftigen Grund noch eine Vorwarnung.

Geprüft werden müsste, ob die Kündigung allenfalls missbräuchlich sein könnte. Eine missbräuchliche Kündigung besteht z. B., wenn Ihnen aufgrund einer persönlichen Eigenschaft wie Alter, Geschlecht, Nationalität oder Familienstand gekündigt wird. 

Ich will mich im Job rechtlich absichern

Ab wann kann meine Arbeitgeberin bzw. mein Arbeitgeber ein ärztliches Zeugnis verlangen?

Grundsätzlich darf die Arbeitgeberin oder der Arbeitgeber ein Arztzeugnis ab dem ersten Krankheitstag verlangen. Es kann jedoch im Arbeitsvertrag oder im Mitarbeiterreglement festgelegt sein, dass ein Arztzeugnis erst ab dem dritten Tag vorgelegt werden muss.

Die Beweislast für die Arbeitsunfähigkeit liegt immer bei der Arbeitnehmerin oder dem Arbeitnehmer. Eine Vereinbarung, wonach ein ärztliches Attest erst ab dem dritten Tag vorgelegt werden muss, entbindet nicht von der Verpflichtung, die Arbeitsunfähigkeit auf andere Weise nachzuweisen, wenn diese von der Arbeitgeberin oder vom Arbeitgeber bestritten wird.

Darf im Arztzeugnis der Grund der Krankschreibung stehen?

Nein. Das Arztzeugnis muss jedoch Auskunft über den Anfang, die Zeitdauer und den Grad der Arbeitsunfähigkeit geben – und ob es sich um eine Krankheit oder einen Unfall handelt. 

Muss meine Arbeitgeberin oder mein Arbeitgeber bei Krankheit weiterhin den Lohn zahlen – und wie lange dauert die Lohnfortzahlung?

Ist nichts anderes vereinbart und hat Ihre Arbeitgeberin oder Ihr Arbeitgeber keine Krankentaggeldversicherung abgeschlossen, gilt bei Krankheit: 100 % Lohnfortzahlung während beschränkter Dauer. Die gleichen Bestimmungen gelten für andere Arbeitsverhinderungen, die keiner obligatorischen Versicherungslösung unterstellt sind. Die Arbeitgeberin oder der Arbeitgeber muss dabei unter den oben erwähnten Voraussetzungen für eine «beschränkte Zeit» den vollen «Lohn samt einer angemessenen Vergütung für ausfallenden Naturallohn» bezahlen.

Berechnung der Lohnfortzahlung

Die «beschränkte Zeit» wird nach der Anzahl Anstellungsjahre bestimmt, wobei die Probezeit und die Berufsausbildung im Betrieb bei der Berechnung mitzählen. Im ersten Anstellungsjahr beträgt die Lohnfortzahlungspflicht drei Wochen. Für die weiteren Anstellungsjahre gelten die durch die Rechtsprechung entwickelten Tarife. Diese Skalen sind regional unterschiedlich (Berner, Zürcher und Basler Skala).

Wichtig zu wissen: Die Lohnfortzahlungspflicht gilt pro Anstellungsjahr. In jedem Anstellungsjahr entsteht wiederum ein neuer Anspruch auf Lohnfortzahlung, auch bei fortdauernder Krankheit, sofern das Arbeitsverhältnis nicht beendet wurde.

  • Eine Person sitzt auf einem Sofa mit einem eingegipsten Bein und zwei grünen Krücken daneben, auf einem Holzboden.
    Kündigung: Krankheit oder Unfall

    Erfahren Sie, welche Voraussetzungen für eine Lohnfortzahlung gelten und welche Kündigungsfristen im Fall einer Krankheit oder eines Unfalls zum Tragen kommen.

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Dürfen Arbeitgeber beim Vorstellungstermin nach bestehenden Krankheiten fragen?

Die Arbeitgeberin oder der Arbeitgeber darf nur Fragen stellen, die mit der beruflichen Tätigkeit in direktem Zusammenhang stehen. Sie dürfen also lügen, wenn man Sie beim Bewerbungsgespräch fragt, ob Sie früher eine schwere Krankheit hatten. Das alles geht die Arbeitgeberin oder den Arbeitgeber nichts an.

Ausnahmen: Wenn die persönlichen Fragen in direktem Zusammenhang mit der beruflichen Tätigkeit stehen, müssen Sie die Wahrheit sagen. So müssen z. B. Krankenpfleger ihre Arbeitgeberin oder ihren Arbeitgeber über ansteckende Krankheiten informieren. Und eine Ballettlehrerin darf nicht verschweigen, dass sie schwanger ist, da für den Job die körperliche Fitness entscheidend ist.

Wird eine längere Krankheit automatisch der Invalidenversicherung (IV) gemeldet?

Nein. Wer auf Leistungen der IV Anspruch erhebt, muss sich mit einem amtlichen Formular anmelden. 

Auch bei unregelmässiger Teilzeitarbeit haben Sie Anspruch auf Lohn, wenn Sie krank sind.

Carole Kaufmann Ryan, Anwältin bei der AXA-ARAG

Mein Kind ist schwer erkrankt. Kann ich ohne Betreuung Freitage beanspruchen?

Wenn ein Kind krank oder verunfallt ist und Pflege benötigt, können Vater und Mutter pro Krankheit oder Unfall bis zu drei Tage von der Arbeit fernbleiben. Viele Gesamtarbeitsverträge sehen sogar einen Betreuungsurlaub von fünf Tagen vor. Jede neue Erkrankung und jedes Kind werden separat gezählt. Für diese Absenzen ist ein ärztliches Zeugnis erforderlich. Die Regelung gilt für Kinder bis 15 Jahre.

Ist das Kind länger krank, können die Eltern sich abwechseln und ihre drei Tage hintereinander nehmen. Reicht dies nicht aus, müssen sie ihren Ferienanspruch nutzen oder eine alternative Betreuungslösung organisieren. Oft lässt sich durch ein Gespräch mit der Arbeitgeberin oder dem Arbeitgeber eine Lösung finden.

Was ist, wenn eine längere Pflegedauer nötig ist?

Wenn ein Kind länger als 6 Tage krank ist, müssen die Eltern auf eigene Kosten für eine Betreuung sorgen. Hilfsdienste in verschiedenen Regionen bieten diesbezüglich Unterstützung an. 

Erst wenn ein Kind schwer krank ist und unklar ist, ob und wann es wieder gesund wird, können berufstätige Eltern maximal 14 Wochen Urlaub beantragen. In diesem Fall haben sie statt ihres Gehalts Anspruch auf Tagegelder aus der Erwerbsersatzordnung (EO) in der Höhe von 80 Prozent ihres versicherten Einkommens.

Wann sind die Bedingungen für den 14 wöchigen Betreuungsurlaub erfüllt?

Seit dem 01. Juli 2021 besteht ein Anspruch auf bezahlten Betreuungsurlaub, sobald alle folgenden Voraussetzungen erfüllt sind:

  • es besteht ein Eltern-Kind-Verhältnis;
  • das Kind ist noch nicht 18 Jahre alt;
  • es liegt eine schwere gesundheitliche Beeinträchtigung vor;
  • mindestens ein Elternteil ist erwerbstätig;
  • die Notwendigkeit der Betreuung wird durch ein Arztzeugnis bestätigt.

Der Anspruch gilt für Eltern eines minderjährigen Kindes, das durch Krankheit oder Unfall schwer gesundheitlich beeinträchtigt ist. Der Urlaub kann zwischen den Eltern aufgeteilt werden (z. B. 7 Wochen Mutter, 7 Wochen Vater). Auch Stiefeltern können Anspruch erheben, wenn sie mit dem betreuenden Elternteil im gleichen Haushalt leben. Voraussetzung ist, dass der andere Elternteil auf seinen Anspruch verzichtet, sofern zu beiden ein Kindesverhältnis besteht.

Wann gilt die Beeinträchtigung als «schwer»?

Eine schwere Beeinträchtigung liegt vor, wenn:

  • eine einschneidende Veränderung des körperlichen oder psychischen Zustands eingetreten ist;
  • der Verlauf schwer vorhersehbar ist oder mit bleibenden Folgen oder Tod gerechnet werden muss;
  • ein deutlich erhöhter Betreuungsbedarf durch die Eltern besteht;
  • die Erwerbstätigkeit unterbrochen werden muss.

Ein neuer Krankheitsfall löst jeweils einen neuen Anspruch aus. Ein Rückfall nach längerer symptomfreier Zeit zählt als neuer Fall. 

Nicht anspruchsbegründend sind Beeinträchtigungen mit voraussichtlich gutem Verlauf, z. B. Lungenentzündung oder Knochenbrüche. Auch besteht kein Anspruch, wenn die schwere Beeinträchtigung bereits bei Geburt vorliegt; hier gilt zunächst die Mutterschaftsentschädigung.

Was ist die Dauer und der Zeitrahmen des Betreuungsurlaubs?

Eltern haben Anspruch auf bis zu 14 Wochen Betreuungsurlaub. Der Urlaub muss innerhalb von 18 Monaten bezogen werden. Die Frist beginnt mit dem ersten Bezugstag und gilt für alle Arbeitsverhältnisse beider Eltern.

Der Anspruch endet, wenn:

  • die 18 monatige Rahmenfrist abgelaufen ist,
  • die 14 Wochen vollständig bezogen wurden oder
  • die Voraussetzungen nicht mehr erfüllt sind.

Wird das Kind während der Rahmenfrist volljährig, endet der Anspruch nicht vorzeitig.

Meine Chefin will mir die Ferien kürzen, weil ich fünf Wochen krank war. Darf sie das?

Wer wegen Krankheit oder Unfall ganz oder teilweise arbeitsunfähig ist, muss mit einer Ferienkürzung rechnen – aber erst bei längerer Abwesenheit. Bei einer hundertprozentigen Arbeitsunfähigkeit gilt zum Beispiel eine Schonfrist von einem Monat. Während dieser Zeit dürfen die Ferien nicht reduziert werden. Nach dieser Frist kann die Arbeitgeberin oder der Arbeitgeber das Ferienguthaben für jeden folgenden ganzen Monat der Abwesenheit um ein Zwölftel kürzen. Angefangene Monate werden nicht berücksichtigt.

Kalendermonat vs. Arbeitsmonat

Für die Ferienkürzung zählt nicht der Kalendermonat, sondern der Arbeitsmonat mit durchschnittlich 21,75 Arbeitstagen (bei 100 % Pensum). Da der erste Monat einer krankheitsbedingten Absenz als Schonfrist gilt, darf eine Kürzung erst ab dem zweiten vollen Monat – also nach insgesamt 43,5 Fehltagen – erfolgen. Jede weitere Einheit von 21,75 Tagen führt zu einer Reduktion um ein weiteres Zwölftel, wobei die Schonfristen mit jedem neuen Dienstjahr von vorne beginnen.

Wann zahlt die Unfallversicherung (Suva) und wann die Krankenkasse?

Ein Gesundheitsschaden, der nicht Folge eines Unfalls ist, gilt als Krankheit. Das bedeutet, dass die Heilungskosten für die Behandlung der Krankheit von den Krankenkassen übernommen werden. Da jedoch die Leistungen der Unfallversicherung besser sind, besteht ein grosses Interesse, dass ein Gesundheitsschaden als Unfall anerkannt wird.

Wann gilt ein Gesundheitsschaden als Unfall?

Ein Unfall ist eine plötzliche, nicht beabsichtigte schädigende Einwirkung eines ungewöhnlichen äusseren Faktors auf den menschlichen Körper, die eine Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit oder den Tod zur Folge hat. Auch Berufskrankheiten werden wie Unfälle behandelt, wenn nachgewiesen ist, dass die Krankheit ausschliesslich oder stark überwiegend (mehr als 75 %) durch die berufliche Tätigkeit verursacht worden ist.

Zudem sind folgende Körperschädigungen gesetzlich gelistet und damit Unfällen gleichgestellt: Knochenbrüche, Verrenkungen von Gelenken, Meniskusrisse, Muskelrisse, Muskelzerrungen, Sehnenrisse, Bandläsionen und Trommelfellverletzungen.

  • Eine Frau im Rollstuhl arbeitet an einem Laptop in einem hellen, modernen Raum, während ein kleiner brauner Hund auf ihrem Schoss sitzt.
    Erwerbsunfähigkeitsrente

    Vermeiden Sie Einkommenslücken und sichern Sie sich gegen die unangenehmen Folgen von Krankheit, Unfall oder Invalidität ab.

    Erwerbsunfähigkeitsversicherung

Wer entscheidet, ob es sich um einen Unfall handelt?

Die Unfallversicherung entscheidet, ob die Voraussetzungen eines Unfalles erfüllt sind und der Anspruch auf Unfallversicherungsleistungen berechtigt ist. Bei einer Ablehnung können sich die versicherte Person und auch die Krankenkasse wehren. Arbeitnehmerinnen oder Arbeitnehmer einiger Branchen sind bei der SUVA versichert. In allen anderen Branchen wählt die Arbeitgeberin oder der Arbeitgeber eine zugelassene Privatversicherung.

Ich mache in meiner Freizeit akrobatische Sprünge mit dem Velo. Darf meine Arbeitgeberin von mir verlangen, dass ich auf dieses Hobby verzichte?

Die Arbeitgeberin oder der Arbeitgeber kann grundsätzlich einer Arbeitnehmerin oder einem Arbeitnehmer nicht vorschreiben, was sie oder er in seiner Freizeit tun darf.

Aber: Sie riskieren bei einem Unfall wegen Ihres Hobbys Kürzungen der Unfallversicherungsleistungen. Wer absichtlich einen Unfall herbeiführt, erhält keine Unfallversicherungsleistungen. Fahrlässigkeit kann ebenfalls zu massiven Kürzungen führen. Auch bei aussergewöhnlichen Gefahren und Wagnissen kann die Unfallversicherung die Leistungen verweigern oder ganz kürzen.

Leistungskürzungen bei Risikosportarten

Ausser­gewöhnliche Gefahren und Wagnisse sind Risiken, die das im normalen täglichen Leben vernünftige Mass deutlich über­steigen. Gemäss Bundesgericht ist dies z. B. bei Base-Jumping, Boxwettkämpfen oder Downhill-Biking der Fall. Auch akrobatische Sprünge mit dem Velo (wie Salti, Drehungen um die eigene Achse, Hände vom Lenker oder Füsse von den Pedalen nehmen) gelten als Wagnisse. Damit riskieren Sie bei einem Unfall die Kürzung der Geldleistungen. In besonders schweren Fällen können die Geldleistungen ganz verweigert werden.