Unterwegs

Portrait Rüdiger Böhm: Tausendsassa mit Handicap

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Einen Tag vor seinem 27. Geburtstag verlor Rüdiger Böhm beide Beine, aber kämpfte sich zurück. Heute unterstützt er andere dabei, ihre Grenzen zu überwinden, und nimmt auch sich selbst nicht davon aus. Sein neustes Projekt: in 30 Tagen von Gibraltar nach Palermo segeln. 

Braungebrannt, selbstbewusst und viel zu viel Gel in den Haaren – lange Zeit entspricht Rüdiger Böhm dem typischen Fussballerklischee. «Ich war ein selbstverliebter und arroganter Gockel, der sehr auf Äusserlichkeiten fixiert war», erzählt Rüdiger Böhm selbstkritisch. Geboren wird der deutsche Extremsportler am 22. April 1970 im Odenwald. Von Anfang an ist der Sport sein Ein und Alles – und wenig überraschend entscheidet er sich nach dem Abitur für ein Studium der Sportwissenschaften in Darmstadt. Nebenbei jobbt er in der Gastronomie, als Fitnesstrainer und Fussballtrainer im Jugendbereich. 

Der grosse Schicksalsschlag

Rüdiger Böhm führt ein ganz gewöhnliches Studentenleben – bis zum 21. April 1997. Einen Tag vor seinem 27. Geburtstag ereignet sich der Unfall, der sein Leben für immer verändern wird. Er ist mit seinem neuen Rennrad unterwegs und freut sich darüber, wie rund der «Drahtesel» rollt. Doch nach 45 Minuten prallt er mit einem LKW zusammen. «An einer unübersichtlichen Kreuzung fuhr mich der LKW von hinten um und rollte mit dem Vorderrad über meine Beine», erinnert sich Böhm. Er erlebt das Ganze bei vollem Bewusstsein und gibt den Rettungspersonen noch Anweisungen – bis er wegen des Blutverlusts wegdämmert. 

Ein Überlebenskampf

Im Spital wird festgestellt, dass die Schlagadern in den Beinen zerfetzt sind – die Ärzte geben ihm eine Überlebenschance von zwei Prozent. Während 13 Stunden wird er operiert, über einen Monat liegt er im künstlichen Koma. Böhm überlebt, aber beide Beine müssen amputiert werden. Danach muss er die einfachsten Dinge wieder lernen: allein stehen, duschen, Zähne putzen und vieles mehr. «Ich hatte das Gefühl, dass ich ohne fremde Hilfe nie mehr einen Schritt machen kann», gesteht er. Der Kopf versteht die neue Situation relativ rasch, aber die Gefühle brauchen Zeit. Es sei wichtig, traurig zu sein und die Emotionen rauszulassen, erklärt er und fügt hinzu: «Wenn du das verdrängst oder überspielst, holt es dich in 10 oder 15 Jahren ein.»

«Ich mache nichts, mit dem ich mein Leben aufs Spiel setze. Dafür liebe ich das Leben zu sehr.»

Rüdiger Böhm

Die Rückkehr ins Leben

Eine kurze Phase der Resignation weicht schnell dem grossen Traum, wieder Sport treiben zu können. Dazu muss sich Böhm erst an die Prothesen gewöhnen und wieder laufen lernen. Mit täglichem Krafttraining und Extraschichten in der Physiotherapie arbeitet er emsig daran. Dank dieser Willensstärke und viel Geduld kämpft er sich zurück – und ist heute im Sport sogar mit grösserem Engagement unterwegs als vor dem Unfall.

Auch beruflich nimmt der Sport wieder eine grosse Rolle ein: Der Deutsche holt sich als erster Fussballtrainer ohne Beine die höchste DFB-Trainerlizenz. Nach über zehn Jahren im Fussball macht er Schluss und wagt den Schritt in die Selbständigkeit als Vortragsredner und Mental Coach. Nun unterstützt er andere darin, das Maximum aus ihren Möglichkeiten herauszuholen und ihre Persönlichkeit zu entfalten. 

Einmal Sportler, immer Sportler

Nur ein bisschen Sport zu treiben, entspricht nicht Rüdiger Böhms Naturell. Im Sommer 2017 legt er über 2000 Kilometer mit Kajak und Rennvelo im Projekt «Follow the River» zurück. Was für Aussenstehende verrückt klingt, ist für ihn ganz normal. «Menschen messen Herausforderungen nach ihren persönlichen Fähigkeiten und Komfortzonen», ist er überzeugt. «Follow the River» ist nur eines von vielen Projekten. «Irgendwann nach der Kajak-Challenge flog mir die Segelidee zu und da machte es klick.» Er hat im Hinterkopf, dass sein guter Freund Lars Kyprian früher ein erfolgreicher Regattasegler war. Wenig begeistert von der Segelidee, willigt Lars in ein Testsegeln am Gardasee ein. Doch die beiden packt der Spass und der Ehrgeiz, so dass kurze Zeit später die Idee zur GP Challenge 2020 geboren ist.

 

Rüdiger Böhm: Er hatte die Idee von Gibraltar nach Palermo zu segeln.

Ein Segelanfänger

Fussballcoach, Mentaltrainer, Extremsportler – Rüdiger Böhm ist ein Tausendsassa mit unzähligen Talenten. Doch Segeln ist für ihn komplettes Neuland. Das erste Mal auf einem Renn-Katamaran sitzt er mit Lars im Sommer 2018 am Gardasee. Trotz einiger Turbulenzen macht er seine Sache gut und bleibt auch in kniffligen Situationen ruhig. «Klar fehlen mir noch einige Routine-Griffe, aber mit Lars an Bord lerne ich schnell dazu», so Böhm. Dank seiner Surf-Vergangenheit merkt Rüdiger auf dem Wasser schnell, wie das Boot im Verhältnis zum Wind gesetzt werden muss.

Die eigenen Grenzen überschreiten

Vom «arroganten Gockel» hat sich Rüdiger Böhm schon lange verabschiedet. Heute ist es ihm ein Anliegen, andere Menschen zu inspirieren und ihnen Mut zu machen, an sich und ihre Fähigkeiten zu glauben. «Ich möchte ein Beispiel dafür sein, was alles möglich ist, und durchs Coaching andere darin unterstützen, ihre Grenzen zu überwinden.»

Aber was motiviert den Tausendsassa, sich diesen Challenges zu stellen? «Neue Erfahrungen vergrössern unsere Komfortzone, den Bereich, in dem wir uns geborgen fühlen», so seine Antwort. Er sei schon immer ein Mensch gewesen, der Herausforderungen liebt, aber Herausforderungen mit einem Plan. Ein Adrenalinjunkie sei er nicht: «Ich mache nichts, mit dem ich mein Leben aufs Spiel setze. Dafür liebe ich das Leben zu sehr.»

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