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Von der Schwäche zur grössten Stärke: Interview mit Michel Fornasier aka Bionicman

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Michel Fornasier, 42, engagiert sich mit seiner Stiftung «Give Children a Hand» für Kinder, die mit einer körperlichen Beeinträchtigung leben. Der gelernte Finanzkaufmann wurde selbst ohne rechte Hand geboren. Das versteckte er 35 Jahre lang, bis er sich «outete» und beschloss, aus seiner Schwäche eine Stärke zu machen. So wurde der Superheld «Bionicman» geboren. Als solcher leistet er Präventionsarbeit in Schulen und Einrichtungen, um Kinder zu sensibilisieren, zu enthindern und Mobbing entgegenzuwirken. Er hat eine bionische Handprothese und setzt sich als Botschafter für diese modernen Hilfsmittel ein. Wir haben mit dem sympathischen Superhelden aus Fribourg gesprochen. 

Das Markenversprechen der AXA lautet «Know You Can»: Wer an sich glaubt, kommt weiter. Was bedeutet dieser Satz für Sie persönlich? 

Ohne rechte Hand zu Leben ist an sich kein «schweres» Handicap, aber ein sehr sichtbares. Ich habe meinen Armstumpf lange Zeit versteckt, die ersten 35 Jahre meines Lebens. Es war mir unangenehm und peinlich, anders zu sein. Besonders im Sommer im Freibad war das sehr unangenehm. Vor sieben Jahren kam dann der Sinneswandel. So wurde «Bionicman» geboren, und meine Schwäche wurde zu meiner grössten Stärke. Grenzen entstehen oftmals im Kopf. Man muss nur an sich glauben, um diese überwinden zu können. 

Sie haben zunächst Karriere im Finanzsektor gemacht. Nun sind Sie «Bionicman», ein Held für Kinder. Wie kam es zu dieser Wandlung?

Lange Zeit arbeitete ich als Kundenberater in einer Bank, was mir gut gefiel. Später wechselte ich zu Amnesty International und Save the Children, denn die NGO-Welt und deren soziale Aspekte haben mich immer interessiert. 2016 hatte ich erstmals die Idee, die Charity-Organisation «Give Children a Hand» zu gründen, mit der wir mittels 3D-Drucker Handprothesen für Kinder ohne Hände herstellen. Zunächst war das Projekt nur als ein Versuch bzw. als Sabbatical gedacht, wurde dann aber immer zeitintensiver. Seitdem bin ich als «Superheld» in Schulen, Reha-Kliniken und Kinderspitälern unterwegs, um Kinder zu sensibilisieren und darauf aufmerksam zu machen, dass es Mitmenschen mit körperlicher oder geistiger Beeinträchtigung gibt und sie Teil unserer Gesellschaft sind. Hier geht es insbesondere auch um Mobbing-Prävention. Und so bin ich nun Unternehmer – obwohl das für mich mehr eine Berufung ist als ein Beruf. 

Michel Fornasier aka Bionicman

Sie haben einen grossen Schritt gemacht, haben Ihren sicheren Job aufgegeben und Ihre eigene Stiftung gegründet. Würden Sie andere Menschen ermutigen, stärker ihren Träumen zu folgen? 

In jedem von uns schlummert das Potenzial zur Selbstverwirklichung. Es ist wichtig, an seine Träume und Visionen zu glauben. Klar ist es angenehmer, am Ende des Monats einen fixen Lohn und die damit verbundene Sicherheit zu haben. Ich bin mit dem Schritt in die Selbständigkeit ein gewisses Risiko eingegangen. Das war nicht einfach, brachte aber viele Chancen mit sich. 

Gibt es ein Lebensmotto oder einen Grundsatz, dem Sie folgen? 

Mein Credo ist von Peter Pan: «Glaub an dich selbst und werde nie ganz erwachsen». Das ist auch das Motto von Bionicman. 

Als ich mit fünf Jahren beim Orthopäden meine erste Handprothese bekam, war das für mich ein schauriges Erlebnis. Überall lagen Plastikbeine und -hände herum. Als kleiner Junge hat mir das Angst gemacht und meine Beziehung zu Prothesen geprägt. Heute wollen wir mit modernen 3D-Drucker für Kinder Handprothesen herstellen, die wie ein buntes Spielzeug sind. Die Kinder werden in den Prozess miteinbezogen, sie können ihre «Zauberhand» mitgestalten. Neulich wünschte  sich ein Junge eine «Hulk-grüne» Handprothese. Also druckten wir sämtliche Teile der Hand in seiner Lieblingsfarbe und bauten zusätzlich Elemente ein, die im Dunkeln leuchten. Der Junge war überglücklich und hatte Freudentränen in den Augen. Die Hand ist für Kinder mehr als ein Stück Kunststoff, sie ist wie ein Schutzschild, welches sie vor Mobbing schützt und ihr Selbstbewusstsein stärkt. Dies ist das Herzstück unserer Arbeit: Kindern Selbstwertgefühl zu schenken. Unsere Handprothesen sind mehr Peter Pan als Captain Hook! (lacht)

«Es ist wichtig, an seine Träume und Visionen zu glauben.»

Michel Fornasier aka Bionicman

Michel Fornasier

Welche Menschen inspirieren Sie am meisten? 

Ich bin wirklich beeindruckt von Kindern mit körperlichen Beeinträchtigungen welche voll und ganz zu ihrem Handicap stehen und völlig unbeschwert damit umgehen – vor allem später im Teenageralter. Ich selbst konnte das erst im Alter von 35 Jahren.

Jeder Superheld hat seine ganz eigenen Superkräfte. Welche hat Bionicman? 

Um das Tablet oder Smartphone via Touchscreen zu steuern wurde der Indexfinger meiner Handprothese mit einem speziellen Überzug versehen. Die Kinder fragten mich, ob diese Hand über Superkräfte verfüge und ob aus dem Finger Spiderman-mässig ein Faden rausschnellen kann. Als ich anfangs die Frage verneinte, waren alle enttäuscht. Irgendwann fing ich an zu antworten: «Das ist gut möglich....». Die Kinder liefen dann ganz euphorisch zu ihren Eltern und sagten: «Wenn ich gross bin, dann will ich auch so eine Zauberhand!» Und das war die Inspiration für Bionicman. Wenn gefühlt 500 Mal gefragt wird, ob man Superkräfte hat, glaubt man irgendwann selbst daran. (lacht) 

Ein guter Freund, David Boller, arbeitete 25 Jahre in den USA für die Comicverlage Marvel und DC Comics. Er zeichnete Figruren wie Superman, Wonder Woman und Batman. David und ich beschlossen einen Superhelden mit Handicap zu erschaffen. In der Regel wird jemand durch eine besondere Gabe zum Superhelden. Bei Bionicman ist es ein Handicap, eine fehlende Hand. Somit ist die Superkraft von Bionicman, vermeintliche Schwächen in Stärken zu verwandeln. 

Wie fortschrittlich ist die Integration von Menschen mit Behinderungen in der Schweiz Ihrer Meinung nach? Was gäbe es noch zu tun?

Ich denke, Mitmenschen mit einer Beeinträchtigung wollen nicht «anders» behandelt werden. Wir sind alle gleich besonders, mit oder ohne Handicap. Sicher gibt es noch viel zu tun, aber es wurde auch schon viel getan. Das ist sehr erfreulich.

Events wie der Cybathlon oder die Paralympics tragen viel zur Inklusion bei. Durch Social Media ist die Welt ein bisschen näher zusammengerückt. Es gibt zahlreiche Selbsthilfegruppen, z. B. auch für Eltern mit Kindern mit einer Dysmelie, in denen ein reger Austausch stattfindet. Das ist Gold wert. 

«Mit Maskottchen wie Max, Superhelden wie Bionicman oder Cartoons kann man Kinder wunderbar enthindern.»

Michel Fornasier aka Bionicman

Was wäre Ihre Bitte an alle Menschen in Hinsicht auf den Umgang mit Menschen mit einer Beeinträchtigung? 

Fragen und Hilfe anbieten ist immer nett und aufmerksam. Oft hindern Berührungsängste, Mitmenschen im Rollstuhl Hilfe anzubieten. Eine gute Kollegin, eine Rollstuhlfahrerin, erzählte mir neulich, die Menschen meinen es gut und wollen ihr über die Strasse helfen, obschon sie die Strasse gar nicht überqueren wolle und lediglich auf den Bus warte.

Wenn ich in einem Supermarkt einkaufe, werde ich oft gefragt, ob man mir beim Einpacken helfen kann. Ich persönlich finde das sehr hilfsbereit und sympathisch. Meistens antworte ich mit «Nein, aber herzlichen Dank». Wenn ich müde bin, antworte ich auch mal mit «Ja, gerne». 

Das Maskottchen Max der Dachs der AXA Stiftung Prävention geht in Schulen und klärt über Verkehrssicherheit auf – Sie sind als Bionicman ebenfalls vor Ort und sensibilisieren Kinder. Wie wichtig ist diese Stiftungsarbeit?

Max macht das ganz toll! Mit Maskottchen wie Max, Superhelden wie Bionicman oder Comics kann man Kinder wunderbar erreichen und ihnen wichtige Themen näherbringen. Kinder sind unsere Zukunft, und dort muss man auch mit der Sensibilisierungsarbeit ansetzen. Meiner Meinung nach funktioniert das am besten, wenn man physisch vor Ort ist und es spielerisch angeht.

Was dürfen wir 2020 und danach von Bionicman erwarten? Was sind Ihre Zukunftspläne? 

Eine Bionicman-Trickfilmserie ist geplant. Zudem haben wir die weibliche Superheldin Bionica am Start. Bionica heisst im echten Leben Romina Manser und ist ohne linke Hand auf die Welt gekommen. Bionicas Einsatz ist sehr wichtig, denn Dr. Mobbing führt Gemeines im Schilde. Die Idee zu Bionica kam auf die Nachfrage vieler Mädchen, ob Bionicman denn keine Superheldinnenfreundin habe, die an seiner Seite enthindert. Uns ist es wichtig, dass die Geschichten gewaltfrei sind und alle Figuren auch in real existieren.

Nach Band 1 und 2 erscheint Ende des Jahres das Dritte. 

 

Mehr zu Michel Fornasier finden Sie hier.

Mehr zum Bionicman finden Sie hier

Mehr zur Stiftung Give Children a Hand finden Sie hier.

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