Mitarbeiter und Vorsorge

«Solche Themen werden nicht am Esstisch vermittelt»

Bild: Désirée Good
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In unserem Vorsorgesystem sind tiefgreifende Reformen nötig, darüber sind sich Politik und Experten einig. Und dennoch geht es damit kaum vorwärts. Was meint die junge Generation zu dieser Situation? Wir sprachen mit Salomè Vogt, der Leiterin von Avenir Jeunesse.

Salomè Vogt, die Altersvorsorge ist aufgrund der Corona-Pandemie etwas aus dem Bewusstsein der Bevölkerung verschwunden. Wie schätzen Sie den Zustand der Altersvorsorge ein?

Corona hat das Thema in der Tat etwas aus dem Bewusstsein verdrängt, auch wenn es mit der Vorsorge vorwärtsgehen muss. Denn der Handlungsbedarf ist unverändert. Nach wie vor werden jährlich sieben Milliarden Franken von der aktiven zur pensionierten Generation umverteilt. Dieses Geld wird uns fehlen, wenn wir pensioniert sind. Dazu kommt mit der Corona-Pandemie eine steigende Schuldenlast, die ebenfalls solidarisch getragen werden muss. Wir sollten darum die Schulden in der Vorsorge nicht weiter erhöhen und auch die Umverteilung nicht überstrapazieren. Denn Corona trifft die junge Generation noch einmal stärker: Die Restriktionen treffen uns am meisten, und die Situation auf dem Arbeitsmarkt wird sehr schwierig.

Sie beschäftigen sich intensiv mit dem Thema Altersvorsorge, viele Menschen aus Ihrer Generation aber nicht. Welche Möglichkeiten sehen Sie, Ihre Generation damit zu erreichen?

Ganz einverstanden bin ich damit nicht. Im Rahmen der letzten Abstimmung 2017 wurde das Thema auch unter Jungen stark diskutiert. Das letzte Jugendbarometer vor Corona zeigte ebenfalls, dass sich junge Menschen durchaus mit dem Thema beschäftigen und sich auch Sorgen zur Zukunft ihrer Altersvorsorge machen. Man weiss, dass das Problem vorhanden ist, doch wie damit umgegangen werden soll, ist eher unklar. Das Thema ist für sie präsent, und die Jungen wollen, dass die Politik in die Gänge kommt. Doch die Altersvorsorge als Ganzes bewegt sich für sie auf einer Meta-Ebene. Wichtig ist es, dass wir die Jungen mit konkreten Fragen und Problemen abholen: Was kann ich selbst machen? Muss ich vorsorgen? Denn je früher man mit der Vorsorge beginnt, umso besser geht es einem im Rentenalter. Gerade junge Menschen können den langen Zeithorizont ausnutzen. Aber sie müssen wissen, wie sich Teilzeitarbeit, eine Weltreise oder ein tiefer Lohn auf ihre Vorsorge auswirken.

Kennen denn die Jungen das System?

Hier besteht Aufholbedarf. Zu lange dachte man, dass solche Themen am Esstisch vermittelt werden. Doch dies ist leider nicht der Fall. Die Vorsorge sollte Teil des Lehrplans sein – schlussendlich kommt es aber auf die Lehrpersonen an, ob sie den Stoff anschaulich vermitteln. Vielen Jugendlichen ist das Drei-Säulen-System ein Begriff. Doch: Es gibt noch viel Luft nach oben.

Was muss aus Ihrer Sicht an der Altersvorsorge verändert werden, damit sie zukunftsfähig ist?

Wir sprechen zu viel über Zahlen. Immer geht es darum, ob die Mehrwertsteuer erhöht werden soll, welche Risiken auf dem Kapitalmarkt lauern und ob der Umwandlungssatz um 0,4 Prozent gesenkt wird. So verlieren wir das «Big Picture»! Die gesamte Gesellschaft hat sich seit der Einführung des Vorsorgesystems grundlegend verändert. Die AHV wurde 1948 eingeführt, auch bei der Einführung des BVG-Obligatoriums 1985 dominierte noch das klassische Familienmodell. Heute haben wir mehr Scheidungen, Patchwork-Familien, deutlich mehr Frauen im Arbeitsmarkt, aber auch ein Bedürfnis nach mehr Flexibilität, nach Teilzeitarbeit. Zudem wechseln wir die Stelle im Schnitt nach fünf bis sechs Jahren. Unser System ist auf all das nicht ausgerichtet. Hier sollten wir uns zusätzlich Gedanken machen und nicht nur über einzelne Parameter diskutieren.

Sind die Jungen möglicherweise mit weniger zufrieden?

Das glaube ich nicht. Natürlich gibt es auch in meiner Generation alle Facetten von Lebenseinstellungen. Und dennoch erwarten die Jungen, dass die Versprechen der Altersvorsorge eingehalten werden. Gerade die aktuelle Krise zeigt, dass unser Vorsorgesystem eine Errungenschaft ist, die wir uns dank unseres Wohlstands leisten können. Aber für dessen Erhalt ist ein kontinuierliches Wirtschaftswachstum wichtig, denn niemand will in Altersarmut leben. Auch nicht die Generation, die heute ins Berufsleben eintritt. Und auf reine Eigenverantwortung zu setzen, sehe ich nicht als realistisch.

Erwarten die jungen Menschen andere Lösungen und Möglichkeiten von ihrer Altersvorsorge?

Meine Erfahrungen zeigen, dass junge Menschen sowieso nicht mehr erwarten, mit 64 und 65 pensioniert zu werden. Also würde eine Rentenalter-Erhöhung sicher zu einer nachhaltigen Sanierung beitragen. Junge Menschen wollen aber während ihrer Berufskarriere viel mehr Flexibilität mit einem späteren Arbeitseintritt, Sabbaticals, Teilzeitarbeit, aber auch hybriden Formen zwischen einer Anstellung und einer Selbständigkeit. Ganz allgemein vermischen sich Beruf und Freizeit in unserer Zeit viel stärker. Das sollte sich in der Vorsorge auch abbilden.

Wie erreichen wir das?

Avenir Suisse hat bereits vor einiger Zeit den selbständigen Arbeitnehmer als Modell vorgeschlagen. Eine weitere Möglichkeit wäre auch die freie Pensionskassenwahl. Die Sozialpartner definieren nach wie vor den Umfang der Vorsorgelösung, den Verwalter ihrer eigenen Ersparnisse können die Arbeitnehmenden selbst wählen. Natürlich wäre eine Beratung dabei sinnvoll, aber das wäre ähnlich wie bei einem Hypothekenabschluss beim Hauskauf. Dieses Modell würde der heutigen Generation wohl viel besser zusagen.

Wollen die Jungen auch bei den Investments entscheiden?

Das ist nicht eine Frage des Alters. Unsere Gesellschaft ist individueller geworden, und die Leute wollen zumindest mitentscheiden, wie ihr Geld investiert wird. Auch aus diesem Grund wäre die freie Pensionskassenwahl eine gute Lösung.

Für ältere Arbeitnehmende ist die Vorsorge ein wichtiges Merkmal für einen attraktiven Arbeitgeber. Was macht einen Arbeitgeber für Ihre Generation attraktiv?

Junge Menschen schauen nicht auf die Vorsorgelösung, wenn sie einen Arbeitsvertrag unterschreiben. Das ist leider so. Sie wollen Gestaltungsmöglichkeiten, Flexibilität, Familie und Beruf unter einen Hut bringen. Natürlich werden die Vorsorgelösungen zur Kenntnis genommen. Aber sie werden vom Arbeitgeber auch nicht stärker hervorgehoben. Die Pensionskasse wird häufig beiläufig erwähnt. Aber mit einem attraktiven Modell darf und kann man durchaus auch bei jungen Menschen Werbung machen. In Zeiten von Teilzeitarbeit und Erwerbsunterbrüchen ist es für jeden jungen Erwerbstätigen attraktiv, im Rahmen einer überobligatorischen Lösung von einer Reduktion oder gar Abschaffung des Koordinationsabzugs zu profitieren. Ebenfalls interessant ist die Möglichkeit einer sogenannten Partnerrente. Gewisse Pensionskassen bieten für Personen, die in einer eheähnlichen Gemeinschaft leben oder gemeinsame Kinder haben, diese Lösung bereits an.

Grossunternehmen können mit zusätzlichen Leistungen in der Vorsorge punkten. Welche Möglichkeiten haben KMU?

KMU haben wie die Grossunternehmen auch einen Gestaltungsspielraum im Rahmen der überobligatorischen Vorsorgelösungen. Die meisten KMU können bereits bessere Lösungen als die BVG-Mindestpflicht anbieten. Und als KMU kann man auch kreativ sein. Warum denn nicht für junge Arbeitnehmende eine firmeninterne Vorsorge- oder Anlageberatung organisieren? Es lohnt sich bereits in frühen Jahren zu wissen, wie man Aktien kaufen kann, wie sich Kinder, ein Karriereunterbruch oder die Reduktion der Arbeitszeit auf die eigene Vorsorge auswirken. Junge Menschen erkennen den Wert solcher Massnahmen sehr schnell. Was aber unabhängig vom Arbeitgeber gilt: Eine gute Ausbildung ist die beste Vorsorge. So kann man auf dem Arbeitsmarkt bestehen, erhält Entwicklungsmöglichkeiten und höhere Lohnchancen. Ein kontinuierliches Erwerbseinkommen sichert die eigene Rente. Und diese Möglichkeiten habe ich auch bei einem KMU.

Ein anderes sehr aktuelles Thema ist die Stellung der Frau in der Vorsorge. Wo sehen Sie hier die Probleme und den Handlungsspielraum?

Das muss man differenzieren. Die heutigen Probleme der älteren Frauen sind nicht die gleichen Probleme der jungen Frauen. Bei den Frauen, die jetzt pensioniert wurden, kann man nichts mehr korrigieren. Die jungen Frauen arbeiten viel mehr als ihre Mütter und Grossmütter. Dieses Erwerbseinkommen garantiert ihre Rente. Bei unserem Vorsorgesystem, welches noch immer auf einem Weltbild der 1970er und 1980er beruht, ist es wichtig, dass junge Frauen nicht in alte Rollenmuster fallen, sobald sie Kinder kriegen. Denn zu grosse Karriereunterbrüche führen nach wie vor zu Vorsorgelücken. Hier müssen wir bei den Frauen ein Bewusstsein für die eigenen Vorsorgeentscheidungen schaffen, denn Heiraten ist einfach keine zeitgemässe Form der Altersvorsorge.

Vor Corona machte die Jugend mit Klimastreiks auf sich aufmerksam. Der Einsatz für eine nachhaltige Vorsorge erscheint dagegen «erwachsener». Sehen Sie dennoch Parallelen?

Absolut. Denn beide Anliegen betreffen unsere Zukunft. Und ich bin überzeugt, dass unsere Altersvorsorge vorher betroffen ist. Klima ist sicher das emotionalere Thema und kann auf dieser Ebene angesprochen werden. Vorsorge wirkt distanziert und rational. Doch das Anliegen ist genauso wichtig. Denn auf die lange Sicht müssen beide Handlungsfelder wieder auf die richtige Bahn gebracht werden. Doch man sollte die Themen nicht gegeneinander ausspielen. Gerade in der Corona-Krise hat sich gezeigt, dass die Menschen ein Bedürfnis nach Sicherheit und finanzieller Absicherung haben. Diese Prioritäten müssen wir als Gesellschaft ebenso in Angriff nehmen.

Originaltext erschienen in Meine Firma, dem KMU-Kundenmagazin der AXA.

 

Zur Person

Salomè Vogt hat an der Universität Zürich Politikwissenschaften, Recht und Gender Studies studiert und mit einem Master abgeschlossen. Seit 2017 leitet sie Avenir Jeunesse, die Plattform der jungen Generation des Think-Tanks Avenir Suisse. Salomè Vogt hat sich intensiv mit dem Schweizer Vorsorgesystem auseinandergesetzt und mit anderen jungen Menschen das Buch «Heute, nicht morgen! Ideen für eine fortschrittliche Altersvorsorge» publiziert.

 

 

Kurz und Knapp

Wie sparen Sie?

Ich habe viel in meine Ausbildung investiert und arbeite aktuell Vollzeit. Ich habe eine 3. Säule, ein Sparkonto und ein wenig Aktien.

Mit wem möchten Sie mal essen gehen?

Carla del Ponte.

Welches Buch hat Sie inspiriert?

«How not to be wrong. The power of mathematical thinking.» Von Jordan Ellenberg.

Welche App haben Sie zuletzt gelöscht?

Snapchat.

Was machen Sie nach Corona als Erstes?

Ich gehe meine Nonna in Italien besuchen.

Was können Sie gar nicht?

Auf den Genuss im Leben verzichten.

Ihr Lieblingsferienort?

Sardinien.

Welchen Sport betreiben Sie regelmässig?

Das mit der Regelmässigkeit ist so eine Sache, aber seit neustem spiele ich gerne Tennis.

Auf welche Errungenschaft freuen Sie sich in der Zukunft?

Auf technologische Errungenschaften, die uns helfen, unseren ökologischen Fussabdruck zu verringern. 

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