Gründung und Innovation

Mit gutem Beispiel voran

Bilder: Dan Cermak
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In Sachen Recycling macht der Schweiz so schnell keiner was vor; in Sachen Kreislaufwirtschaft haben wir dagegen noch jede Menge Luft nach oben. Drei Unternehmen zeigen, wie man mit Weitsicht und einer innovativen Geschäftsidee aus dem linearen Wirtschaftsmodell in ein zirkuläres Ökosystem gelangen kann.

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    Meine Firma

    Originaltext erschienen in «Meine Firma», dem KMU-Magazin der AXA Schweiz.

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Am 27. Juli 2023 ist Earth Overshoot Day. Damit wird der Tag bezeichnet, an dem die Menschheit alle biologischen Ressourcen verbraucht hat, welche die Erde während des gesamten Jahres zur Verfügung stellen kann. Oder anders gesagt: Ab Ende Juli betreiben wir Raubbau an unserem Planeten.  Fand der sogenannte «Welterschöpfungstag» 1961 noch im Dezember statt, rückte er in den letzten Jahren kontinuierlich nach vorne. Und ein Ende ist nicht in Sicht. «Die Folgen der sich beschleunigenden Klimaerwärmung, des historisch einmaligen Ressourcenabbaus sowie der zunehmenden Zerstörung ganzer Ökosysteme haben verheerende Auswirkungen auf unsere Umwelt, und darauf muss endlich reagiert werden», findet Prof. Dr. Karolin Frankenberger von der Universität St. Gallen klare Worte. Zwar gilt die Schweiz als Weltmeisterin in Sachen Recycling, der Schein trügt jedoch, so die Leiterin des Kompetenzzentrums Circular Economy: «Herr und Frau Schweizer produzieren immer noch zwei Kilogramm Siedlungsabfall pro Person und Tag – eine absurde Menge.» Die Schweiz sammelt zwar fleissig PET, Aluminium, Glas und biologische Abfälle – bei der Wiederverwertung von Produkten und der Vermeidung von Abfall haben wir aber noch viel Potenzial. Das schlägt sich auch in Zahlen nieder:  So findet der Overshoot Day der Schweiz bereits am 13. Mai statt, damit liegen wir im globalen Ländervergleich deutlich auf den hinteren Rängen.

Zukunftsweisendes Handeln ist gefragt

Karolin Frankenberger beschäftigt sich seit Jahren mit der Thematik und sieht nur einen Ausweg aus der Ressourcenverschwendung: die Kreislaufwirtschaft. Sie ist sich sicher: «Unternehmen, die als Teil eines zirkulären Ökosystems agieren, können zukunftsweisend auf die sich verändernden Umweltprobleme reagieren. Es gilt, die gesellschaftspolitischen und ökologischen Veränderungen zu erkennen und mit neuen  Geschäftsmodellen ressourcenschonend und nachhaltig Mehrwert zu erzielen.» Viele Unternehmen seien aber noch sehr zögerlich in Sachen  Kreislaufwirtschaft unterwegs, wie eine kürzlich durchgeführte Studie der Expertin zeigt: «Die meisten Firmen vertreten weiterhin eine rein ökonomische Sicht und denken in kurzfristigen Zeitperspektiven, oder es fehlen ihnen schlichtweg die Ressourcen an Personen, Wissen und Geld.» So werden aktuell weniger als zehn Prozent aller Primärressourcen wieder in den Kreislauf zurückgeführt – viel zu wenig, wie Karolin  Frankenberger betont: «Hier muss ein massives Umdenken stattfinden.» 

Er weiss, was Fische wollen: LocalFish-CEO Tom Adler.

Lokale Lösung für globales Problem

Einer derjenigen, die im Thema Kreislaufwirtschaft schon ordentlich Gas geben, ist Tom Adler. Der CEO der LocalFish AG betreibt mit seinen fünf Kompagnons eine Indoor-Aquakultur mit Standorten in Rafz, Bischofszell und Lyss. Ihr Ziel: den regionalen Markt mit nachhaltig produziertem Fisch ohne Schwermetalle oder Mikroplastik zu bedienen und dadurch ein globales Problem mit einem lokalen Angebot zu lösen. «97 Prozent des hierzulande erhältlichen Fisches werden aus dem Ausland importiert und kommen meistens vom anderen Ende der Welt, sind unter katastrophalen Bedingungen herangezüchtet worden und voller Antibiotika. Wir bringen den Fisch wieder zurück in die Schweiz und garantieren gesunde und nachhaltige Produkte mit Geschmack», erklärt Tom Adler. Die LocalFish AG deckt dabei die gesamte Wertschöpfungskette ab: Vom Bau der Anlage über die Aufzucht der Jungtiere bis hin zur Verpackung geschieht alles unter einem Dach. Und das erst noch ressourcenschonend: 99,5 Prozent des Wassers werden aufbereitet und bleiben im Kreislauf, der Strom kommt von der hauseigenen Photovoltaikanlage, und sogar das Fischfutter wird lokal und ohne Zugabe von Fischmehl hergestellt. Die Fischabfälle der produzierten Filets werden zu Tierfutter weiterverarbeitet und an den Detailhandel verkauft, die Fischexkremente gefiltert und von den umliegenden Landwirtschaftsbetrieben als Düngemittel verwendet. «Unser Ziel war es, nicht nur eine CO2-neutrale Produktion zu betreiben; wir wollen über die Grenzen hinausgehen und sämtliche Nebenprodukte gewinnbringend verwenden», erklärt Adler seine Vision. Die LocalFish AG hat sich ein eigenes Ökosystem aufgebaut, das jedoch leicht skalierbar ist. «Mit unserem modularen Ansatz können wir unterschiedliche Fische in der Region produzieren, immer mit einem kleinen ökologischen Fussabdruck, der die Natur nicht belastet. Viele sagen, sie seien nachhaltig – wir sind es wirklich», lacht der gelernte Informatiker.

Natürlich sei der Fisch von LocalFish etwas teurer als beim Import, dafür wüssten die Leute genau, woher er komme. «Die Nachfrage nach gesunden Lebensmitteln mit transparenten Produktionsbedingungen ist stark gestiegen – der Markt ist bereit für uns», so der 44-Jährige. Das beobachtet auch Karolin Frankenberger. «Wir stellen in den letzten Jahren sowohl auf Konsumentenseite als auch auf Unternehmensseite ein gesteigertes Interesse am Thema Kreislaufwirtschaft fest. Zum einen hinterfragen viele Menschen ihr eigenes Konsumverhalten und wollen etwas zu einer nachhaltigeren Zukunft beitragen, zum anderen erhalten wir verstärkt Anfragen von Firmen, die ihr eigenes Geschäftsmodell in Richtung Kreislaufwirtschaft entwickeln wollen – und das nicht nur von jungen Start-ups, sondern auch von etablierten und seit Generationen bestehenden Unternehmen quer durch alle Branchen», so die Wissenschaftlerin.

Der designierte CEO Patrick Eberhard sieht sich als Unternehmer in der Pflicht, die Zukunft mitzugestalten.

Pionier der Kreislaufwirtschaft

Eines dieser traditionsreichen Unternehmen ist die Eberhard Bau AG aus Kloten. Das auf Tiefbau, Rückbau, Baustoffe und Altlastsanierungen spezialisierte Unternehmen besteht bereits seit über sechzig Jahren und wird heute in dritter Familiengeneration geführt. Bereits seit dreissig Jahren hat sich die Firma der Kreislaufwirtschaft verschrieben und treibt dieses Thema mit einer Vehemenz voran, die ihresgleichen sucht. «Von den rund 80 Millionen Tonnen Abfall, die in der Schweiz jährlich produziert werden, sind 15 Millionen Tonnen Bauabfälle, die Hälfte davon stammt aus dem Rückbau von Gebäuden. Da ist es für uns nur naheliegend, dass wir uns als Spezialisten auf diesem Gebiet mit diesem Thema auseinandersetzen und nach Lösungen suchen, wie wir ressourcenschonender agieren können», erklärt der designierte Geschäftsführer Patrick Eberhard.

Die Spezialisierung auf Ökologie begann bereits in den 80er-Jahren, als durch Einführung einer neuen Abfallverordnung kontaminiertes Material nicht mehr einfach deponiert werden konnte. Während andere Unternehmen sich über die strengeren Regulatorien beklagten, nutzte man bei Eberhard die Chance, baute die grösste Bodenwaschanlage Europas und erschloss sich damit ein neues Geschäftsfeld. Über die Jahre kamen weitere Anlagen hinzu, alle mit dem Ziel, die Materialien aus dem Rückbau wiederaufzubereiten und als erstklassige Baustoffe zurück in den Kreislauf zu führen. Mit der Inbetriebnahme ihres Aufbereitungszentrums für Bauabfälle und der eigenen Betonproduktion für Sekundär-Rohstoffe kann Eberhard heute die gesamte Wertschöpfungskette abdecken und innerhalb eines eigenen zirkulären Ökosystems agieren. Auf die Frage nach der unternehmerischen Motivation antwortet Patrick Eberhard: «Nur weil ein Geschäftsmodell heute funktioniert, muss das nicht bedeuten, dass es morgen noch erfolgreich ist. Als Unternehmer musst du die Dinge selbst in die Hand nehmen und nicht einfach abwarten, bis ein anderer deine Probleme löst.»

Diese Einstellung teilt Karolin Frankenberger: «KMU tun gut daran, das Thema Umweltschutz und Kreislaufwirtschaft als Chance zu sehen und sich zu überlegen, wie sie ihre eigenen Prozesse und Geschäftsmodelle entsprechend verändern können. Heute bietet unternehmerische Nachhaltigkeit noch einen strategischen Wettbewerbsvorteil und ein spektakuläres Entwicklungspotenzial. Firmen, die den Zeitpunkt verpassen und im Nachhinein nur noch auf Regulatorien reagieren müssen, werden hingegen die grossen Verlierer sein.»

Den Sack auf, aber kein Brett vor dem Kopf – beim Thema Recycling macht Mr. Green-CEO Valentin Fisler keiner was vor.

Von der Bieridee zum Weltverbesserer

Der strategische Wettbewerbsvorteil war nicht die Idee, die Valentin Fisler bei der Gründung seines Unternehmens antrieb. Das Thema Nachhaltigkeit umso mehr. Es war das Jahr 2009, und in der Studenten-WG der vier Freunde stapelten sich wie immer haufenweise Altglas und Dosen auf dem Balkon. Ein Blick auf die umliegenden Balkone zeigte, dass auch andere dieses Problem hatten. «Daraus entstand die Idee, einen Abo-Service aufzuziehen für all jene, denen die Zeit für Recycling fehlt», erklärt Fisler. Nur drei Monate später gründete das Quartett Mr. Green – und musste merken, dass der Markt nicht auf sie gewartet hatte. «Jeder, der von unserer Idee hörte, fand unser Konzept super – nur bezahlen wollte keiner dafür», zieht der heutige CEO im Nachhinein Bilanz. Dass Mr. Green zwar auf offene Ohren, aber nicht gleich auf offene Portemonnaies stiess, schreckte seine Gründer aber nicht ab, sondern motivierte sie, ihr Geschäftsmodell zu hinterfragen und weiterzuentwickeln. «Wir sind überzeugt, dass wir als Gesellschaft unseren Lebensstil ändern und sorgfältiger mit unseren Ressourcen umgehen müssen, wenn unsere Enkel eine Zukunft haben wollen», betont Valentin Fisler. Und die Beharrlichkeit der vier Gründer zahlte sich aus: Heute gehören rund 10’000 Haushalte und Firmen zu den Kundinnen und Kunden von Mr. Green. Dennoch ist der Recycling-Service nicht einfach eine Luxus-Dienstleistung für Faule, wie der 36-Jährige betont: «Zum einen kann man bei uns auch Wertstoffe wie Getränkekartons, Korkzapfen oder Plastiktüten entsorgen, die sonst im Abfall landen würden, zum anderen hat Mr. Green auch einen sozialen Unternehmenszweck: Die Abholung und Sortierung der Wertstoffe geschieht überwiegend durch lokale Institutionen, die Menschen mit Beeinträchtigungen oder schwierigem Lebenslauf beschäftigen.»

Recycling-Konzepte für Firmen

Neben dem Recycling-Service hat Mr. Green das Angebot entlang den Grundsätzen «Reduce, Reuse und Recycle» weiter ausgebaut: So betreibt das Unternehmen einen eigenen Webshop, in dem rund 400 umweltverträgliche Alternativen zu nützlichen Haushaltsgegenständen klimafreundlich eingekauft werden können. Zudem bietet Mr. Green seit August 2022 als erster Anbieter ein Kunststoff-Recycling an. «Beim Detailhändler können bisher nur die gängigen PET- und PE-Flaschen recycelt werden, der restliche Kunststoff wandert weiterhin in den Abfall. Dabei könnten 65 Prozent des Mischkunststoffs aussortiert und sortenrein recycelt werden; hier leisten wir also Pionierarbeit.» Darüber hinaus bietet Mr. Green seit Kurzem einen interessanten Service für Unternehmen. «Für Firmen ab 100 Mitarbeitende sind massgeschneiderte Recycling-Konzepte unverzichtbar. Mit unserem Enterprise-Service bieten wir von der Analyse über das Konzept bis zur effektiven Umsetzung individuell zugeschnittene Recycling-Lösungen für Firmen. Damit die Mitarbeitenden und die Umwelt glücklich sind», lacht Valentin Fisler.

Die Firmen

Mit dem Ziel, lokalen und gesunden Fisch zu produzieren, wurde die LocalFish AG 2020 von sechs Gründern ins Leben gerufen. Das Unternehmen kann mit seinen Indoor-Kreislaufanlagen in Rafz, Bischofszell und Lyss die gesamte Wertschöpfungskette von der Aufzucht bis zur Vermarktung alles unter einem Dach bieten und nimmt damit eine Vorreiterrolle in der nachhaltigen Fischzucht ein. LocalFish beschäftigt heute rund 20 Mitarbeitende.

Die Eberhard Unternehmungen wurde 1954 von den beiden Brüdern Heiri und Ruedi Eberhard gegründet. Heute wird die Firma in dritter Generation von Patrick Eberhard, seinem Bruder und ihrem Cousin geführt. Das Unternehmen mit Hauptsitz in Kloten ist spezialisiert auf Pionierleistungen im Tiefbau, Rückbau, Baustoffrecycling und in der Altlastsanierung und beschäftigt 600 Mitarbeitende an elf Standorten.

Mit einem Haufen Elan und der Überzeugung, dass Recycling auch einfacher geht, starteten vier Studenten 2010 den Recycling-Service Mr. Green. Heute hat das inzwischen zehnköpfige Team den Service weiter ausgebaut und bietet neben dem Recycling-Abo nicht nur einen Webshop mit  nachhaltigen Alltagsprodukten, sondern hat mit Mr. Green Enterprise einen umfassenden Service von der Abfallanalyse bis zum kompletten Recycling-Konzept für Unternehmen ab 100 Mitarbeitende lanciert.

Die Expertin

Karolin Frankenberger ist Professorin für Strategisches Management und Innovation an der Universität St. Gallen und leitet dort auch das Kompetenzzentrum Circular Economy. Ihre Forschung konzentriert sich auf die Themen Geschäftsmodellinnovation, kreislauffähige Geschäftsmodelle und Innovations-Ökosysteme, und wurde mehrfach ausgezeichnet.

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